Mein Großvater, der Braten und die Wut

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Am vergangenen Samstag haben wir uns im VHS-Aufbaukurs „Selbstbewusstsein trainieren“ mit dem Thema „Wut“ und dem „guten Umgang“ damit beschäftigt. Das hat mich an eine Anekdote aus ihrer Kindheit erinnert, die mir meine Mutter so erzählt hat:

„Unser Vater war klein, rothaarig, sehr naturverbunden und ein grundgütiger Mensch. Er war ein ruhiger und besonnener Mann und voller Verständnis für uns vier Kinder.

Die Mutter ist im Kloster aufgewachsen. Sie war eine feine, gebildete und belesene Frau, einen halben Kopf größer als der Vater und eine ausgezeichnete Köchin. Sie legte größten Wert auf Bildung, Disziplin und Ordnung. Die Arbeit auf unserem Bauernhof war viel und hart. Wir wurden zwar nicht reich, aber wir hatten unser Auskommen.

Für die Mutter war der Vater viel zu nachsichtig und milde mit uns. Darüber stritten sie oft. Wenn sie, vor allem für Sepp und Hans, körperliche Strafen forderte, erklärte er ihr ein ums andere Mal: ‚Was du im Guten mit Worten nicht erreichst, das erreichst du mit Schlägen erst recht nicht.‘ Das war für damalige Verhältnisse eine ungewöhnliche Haltung für einen Bauern, der selbst als Kind oft geschlagen worden war.

In einem waren sich die Eltern aber immer einig: Das gemeinsame Essen am Sonntagmittag war für alle Pflicht, und wir hatten beim Essen zu schweigen.

Einmal wollten die zwei Brüder einfach nicht aufhören mit ihrem ‚Der Hansi hod mi gschubsd. – Gar ned wahr! I hob halt koan Platz, weil du di so breitmachst.‘ Sie redeten immer weiter, obwohl sie der Vater schon mehrmals sehr streng angeschaut hatte. Da griff er durch.

Ich weiß noch, dass sein Gesicht jetzt die gleiche Farbe hatte wie seine Haare. Wutentbrannt machte er das Fenster auf, nahm mit beiden Händen die Bratreine vom Tisch und warf sie in hohem Bogen, mitsamt dem Schweinsbraten, hinaus auf den Hof. Es schepperte laut und der ganze Braten rutschte und kullerte mit der Soße über den Erdboden. Dann schickte er uns Kinder stumm, mit einem kurzen Fingerzeig, hinaus. Die Mutter kam hinter uns her und räumte ohne Widerworte – zumindest habe ich keine gehört – die Sauerei auf dem Hof weg.

Wir haben unseren Vater nie wieder so außer sich gesehen wie an dem Tag. Ich glaube, dass auch nicht mehr darüber gesprochen wurde. Uns Kindern war es jedenfalls eine Lehre und ich habe die Geschichte bis heute nicht vergessen.“

P.S.: Meine Großeltern wurden 1893 und 1897 geboren. Leider habe ich sie nicht mehr persönlich erlebt.

Bild von Fotolia: #77160390 | © ExQuisine | Schweinebraten mit Kartoffelknödel

Über C. K.

Diplom-Sozialpädagogin (FH), Coach, Dozentin, Trainerin, Bloggerin, Ehefrau, Mutter von fünf Kindern, und seit 52 Jahren Aprilscherz ... Und Grübel - Karussell war gestern.
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