Augen-Blicke oder: Mein Star und ich (1)

Klick vergrößert Bild

Ich kam seinerzeit mit zwei verschiedenen Augen zur Welt: das rechte Auge sehend; das linke Auge etwas kleiner, stark nach innen schielend und nicht sehend, weil der Sehnerv nur unvollständig ausgebildet ist. Nystagmus (Augenzittern) und Katarakt (grauer Star) kamen noch dazu. Meine* trübt die Linsen nicht wie üblich von außen nach innen, sondern umgekehrt.

Rot, weiß, blau und grün

Die Augenheilkunde für Kinder steckte damals noch wortwörtlich in den Kinderschuhen. Ich weiß noch, dass ich mit meiner Mutter regelmäßig mit dem Zug von Taufkirchen in die Münchner Innenstadt zu Professor Neuhann gefahren bin. Die Fahrt dauerte etwa eine halbe Stunde, und ich freute mich, wenn ich als Kind auf der roten Lederbank einen Platz für mich allein haben durfte. Auch habe ich noch das Geräusch im Ohr, wenn der Schaffner mit dem Knipsen seiner Zange die Fahrkarten entwertete.

Professor Neuhann, ein großer, schlanker Mann im weißen Kittel, saß meist in einem halbrunden Raum, der mit bodenlangen Vorhängen abgedunkelt war. Er hatte eine „Maschine“ mit einer schmalen, blauen Lampe, die er vor sich hin – und herschieben konnte. Meist mussten wir lange warten, bis wir an der Reihe waren. Ich sehe noch das Bild vor mir, wie ich mit dem Finger immer wieder über die glattpolierten Nietenköpfe fuhr, mit denen die dunkelgrünen Lederpolster auf den Holzbänken festgemacht waren.

Brillenschlange?

Vor der Einschulung wurde das schielende Auge erfolgreich operiert und gerade gestellt. Ich bekam, als einziges Kind in der Grundschule, eine Brille mit einem typischen, schwarzen Kassengestell (es gab kein anderes). Da war „Brillenschlange“ als Spitzname natürlich naheliegend, doch es störte mich nicht. Stunden-, manchmal tagelang lag ich weinend im abgedunkelten Zimmer, weil mich die (wie ich erst viel später lernte) Trigeminusneuralgie plagte. Eine kindgemäße Behandlung gab es damals noch nicht.

Ich war eine gute Schülerin, lernte Vieles, wie andere Kinder auch, und fühlte mich zu keiner Zeit „behindert“. Bei Sportarten wie Völker- oder Volleyball machte mir das fehlende, räumliche Sehen zu schaffen, doch im Geräteturnen holte ich zum Beispiel mehrmals hintereinander eine Ehrenurkunde.

Ein-sicht

Dem damaligen Stand der Medizin entsprechend war die Prognose, dass ich wohl, wenn ich „ausgewachsen“ wäre, so gut wie blind sein würde. Da das Risiko der OP sehr groß wäre, würde der graue Star (wenn überhaupt) erst operiert, wenn meine Sehkraft unter fünf Prozent sinke. Als ich Anfang zwanzig war, war meine Sehleistung jedoch immer noch bei etwa 60 Prozent, weshalb eine OP für mich (noch) nicht in Betracht kam.

Über die Jahre habe ich viele Augenärzte und Augenärztinnen kennengelernt. In der Uniklinik in München war ein Dutzend von dem Hintergrund des linken Auges so fasziniert („Das hatten wir hier noch nie!“), dass sogar ein Foto für ein Fachbuch davon gemacht wurde. Auch wenn ich mir damals eher wie ein Monster vorkam, bin ich also, wenn Sie so wollen, ein (vielleicht) viel beachtetes Fotomodell.

* Gerade gelernt: Es heißt die Katarakt.

Augen-Blicke oder: Mein Star und ich (2)

P.S.: Hier finden Sie interessante Informationen der Uniklinik Erlangen zur Katarakt-OP.

Bild von Fotolia: #59860331 | Urheber: reznik_val | Auge bunt

Über C. K.

Diplom-Sozialpädagogin (FH), Coach, Dozentin, Trainerin, Bloggerin, Ehefrau, Mutter von fünf Kindern, und seit 52 Jahren Aprilscherz ... Und Grübel - Karussell war gestern.
Dieser Beitrag wurde unter Erinnerungen, Gesundheit abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentare sind geschlossen.